Tsuyu

11. Juni 2009

Tsuyu ist heute gekommen und bleibt für ca. sechs Wochen hier. Eigentlich mag sie keiner, aber trotzdem kommt sie jedes Jahr wieder. Einfach so, ohne zu fragen. Man weiß auch nie, wann sie genau kommt. Wenn sie dann da ist, gibt es Zeiten an denen man gar nicht vor die Tür gehen möchte aus Angst ihr zu begegnen. Und wenn sie schließlich wieder weg ist, kann man auch nicht ganz froh sein, denn man schwitzt schon im Angesicht des nächsten Gastes, der sich mit Tsuyu die Klinke in die Hand gibt.

Ach, ihr kennt Tsuyu gar nicht? Das kann gut sein, sie kommt nämlich nicht nach Europa. Denn Tsuyu ist japanisch und bedeutet Regenzeit. Sie beginnt hier in Tokyo normalerweise Anfang Juni und geht dann ca. sechs Wochen lang bis Mitte Juli. Heute hat sie halbwegs offiziell hier angefangen. Den ganzen Hype um die Regenzeit kann ich allerdings nicht so ganz nachvollziehen; heute war das erste Mal seit ein paar Tagen, dass die Sonne wieder hinter den Wolken hervorkam (nachdem es heute morgen zugegebenermaßen doch recht ordentlich geregnet hat). Ganz generell gesehen gibt es im Juni schon mehr Niederschlag (+30-40 mm) und weniger Sonnenstunden (5 statt 6) als im Mai und Juli, aber so schlimm wie man es von einer „Regenzeit“ erwartet fand ich es letztes Jahr dann doch nicht (und ich bezweifle, dass es dieses Jahr viel anders wird).

Sollte die Regenzeit schließlich vorbei sein, setzt der für Japan charakteristische heiße und schwüle Sommer ein. Denn obwohl es im Vergleich zu Deutschland zwar jetzt schon recht warm und luftfeucht hier ist, vergrößert sich dieser Unterschied ab Juli deutlich. Sommer bedeutet in Japan nämlich, dass man selbst nachts nach wenigen Minuten normalen Gehens zu schwitzen beginnt. Und das im Prinzip jeden Tag, denn Abkühlung findet außerhalb von klimagekühlten Gebäuden und Transportmitteln bis Ende des Sommers so gut wie nicht statt.
Mindestens einen Vorteil hat der Sommer dann aber doch: Das Matcha-Eis schmeckt doppelt so gut. 🙂

Zu dem Thema siehe auch einen Eintrag von letztem Jahr (verfasst am Ende der Regenzeit): „Sommer in Japan – ein Simulationsversuch„.

Tokyo Tower - RegenzeitTokyo Tower, Tsuyu im Juni 2008

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Sommer in Japan – ein Simulationsversuch

4. Juli 2008

Es wird so langsam Sommer in Japan. Die Regenzeit scheint vorüber zu sein (auch wenn ich noch keine offizielle Bestätigung gehört habe) und die Sonne kommt wieder regelmäßiger hervor. Wie sich ein Sommer in Japan anfühlt, kann man sich allerdings nicht wirklich vorstellen, wenn man nur das Wetter im Internet nachschaut. 30° Celcius und Sonnenschein hört sich eigentlich sehr angenehm an. Daher möchte in an dieser Stelle alle Leser dazu einladen, an einem Simulationsversuch des Wetters in Japan teilzunehmen. Wenn ihr die folgende Anleitung genau befolgt, solltet ihr ein ungefähres Gefühl dafür bekommen, wie es sich hier in den nächsten zwei bis drei Monaten anfühlen wird.

Klimasimulationsanleitung:

  1. Zuerst geht man ins Bad und dreht die Heizung auf volle Stärke. Zusätzlich stellt man auch die Dusche auf volle Hitze und lässt sie laufen (ich empfehle an dieser Stelle sich nicht mehr unter die Dusche zu stellen!). Anschließend das Bad verlassen und die Türe geschlossen halten.
  2. Nun eine halbe Stunde warten. Während dieser Zeit kann man schonmal den Kühlschrank direkt neben dem Bad positionieren und leerräumen.
  3. Nach den dreißig Minuten geht man ins Bad (Türe wieder schließen nicht vergessen!) und bleibt hier, bis es unangenehm wird; nur noch fünf Minuten länger. Anschließend verlässt man das Bad und setzt sich sofort in den Kühlschrank (Türe schließen! Bei der Gelegenheit kann man auch gleich überprüfen, ob das Kühlschranklicht wirklich ausgeht). Sobald die Körpertemeratur auf 35° Grad gesunken ist, begibt man sich ohne Umwege wieder ins Bad (Gehe nicht über Los, ziehe nicht 4000 Yen ein…). Das Ganze wiederholt man nun bis der Sommer vorbei ist (sehr gut an der Rotfärbung der Blätter zu erkennen).

Erklärung:

Das Bad stellt in diesem Fall einfach den normalen Zustand da. Zum Beispiel wenn man sich im Freien aufhält oder die Klimaanlage gerade gewartet wird. Der Kühlschrank simuliert Restaurants, Geschäfte und vor allem die Züge. Begibt man sich zwischen klimatisierten Objekten hin und her, muss man (meistens) zwangsweise durch das Freie laufen (Bad->Kühlschrank->Bad->Kühlschrank). Besonders lustig ist es nebenbei bemerkt im Zug, wenn man an einer Tür steht, und sich einem beim Öffnen eine warme feuchte Wand von draußen entgegendrückt.

Expertenmodus:

Für alle Spezialisten, welche die obige Simulation ohne Probleme meistern konnten, gibt es noch ein paar Variationen:

  • Regenzeit-Modus: Bevor man die Dusche auf volle Hitze aufdreht, stellt man sie auf lauwarm bis kalt und begibt sich für die nächsten drei Wochen unter die selbige.
  • Rush Hour-Modus: Man sucht sich noch drei weitere Freunde und quetscht sich mit ihnen zusammen in den Kühlschrank
  • Business Man-Modus: Vor Simulationsbeginn zieht man sich einen schicken Anzug an. Natürlich mit Krawatte.

Ich kann mich noch daran erinnern, wie mir letzten September die Schokolade in meinem Zimmer bei normalen Sommertemperaturen und ohne direkte Sonneneinstrahlung einfach nur durch die Luftfeuchtigkeit geschmolzen, oder das Brot vor Ablauf des Haltbarkeitsdatums (meistens eh nur drei Tage) geschimmelt ist (ok, das ist in Deutschland ja normal 😉 ). Seitdem befindet sich bei mir alles Wichtige im Kühlschrank.

Disclaimer: Die oben genannte Anleitung sollte natürlich nur von erfahrenen Stuntmännern durchgeführt werden. Nicht, dass mich jemand auf Schmerzensgeld verklagt, weil er sich eine Erkältung eingefangen hat…