Fujisan

24. Juli 2008

3776 Meter. Ein Vulkan. Ein Mann.
Ok, ganz alleine war ich nicht. Aber mal ganz von vorne:

Die Vorbereitung

Ich habe schon längere Zeit vorgehabt, auf den höchsten Berg Japans, den Fuji, zu steigen. Da die Hauptsaison zum Besteigen aufgrund von Schneefreiheit und akzeptablen Temperaturen im Juli und August ist, stand dem Vorhaben also nichts mehr im Wege. Nachdem ich etwas recherchiert hatte, wurde mir recht schnell klar, dass ich den aktiven Vulkan (allerdings mit sehr geringer Ausbruchswahrscheinlichkeit, zum Glück) nachts besteigen möchte, um rechtzeitig zum Sonnenaufgang oben zu sein. Zudem sollte es an einem Wochentag stattfinden, da es am Wochenende sehr voll werden kann. Denn pro Jahr besteigen ca. 200.000 Menschen den Fuji, und die meisten davon im Juli und August.

So schloss ich mich also mit ein paar Freunden zusammen, die auch den Fuji besteigen wollten. Wir waren eine internationale Truppe bestehend aus einem Amerikaner, einer Französin, einem Schweden, einer Japanerin und zwei Deutschen. Wir entschieden uns schließlich für Montag, den 21. Juli 2008 als den Tag der Wahrheit. Ein paar Tage vorher wurde für 2600 Yen (ca. 15 Euro, einfache Fahrt) der Bus zum Fuji gebucht und ich habe einige notwendige Besorgungen gemacht, wie zum Beispiel Handschuhe und eine Mütze.

Da der Bus erst Montags abends fuhr, blieb mir am selbigen Tag noch genug Zeit, um Nahrungsmittel einzukaufen und den Rucksack zu packen. Ich habe vorher einige Erfahrungsberichte gelesen und dementsprechend bestand der Inhalt meines Rucksacks aus Folgendem:

  • 4 Liter Wasser (viel trinken hilft gegen die Höhenkrankheit)
  • 5 Onigiri (gut sättigende Reisbällchen) und Süßigkeiten
  • Turnschuhe zum Besteigen (habe leider keine Wanderschuhe)
  • Mütze und Handschuhe (auf dem Gipfel sind es zwischen 0 und 5 Grad im Sommer)
  • Digitalkamera und Camcorder
  • Pulli und Ersatz-T-Shirt für die Heimfahrt
  • Taschenlampe und Ersatzbatterien

Er war ordentlich schwer! Aber ich wusste ja, da ich während des Aufstiegs trinken und essen, und somit natürlich das Gewicht reduzieren würde. Daher war es schon ok.

Abfahrt

Ich verließ also um 16:00 Uhr meine Wohnung, um mich um 17:10 Uhr in Tokyo mit den anderen zu treffen. Zum Glück hatten wir 17:10 Uhr festgelegt, so dass die Letzten um 17:25 Uhr ankamen und wir ohne Probleme den Bus erreichen konnten, der uns ab 17:50 Uhr zum Fuji bringen sollte. Nach etwa zwei Stunden und zwanzig Minuten kamen wir um 21:10 Uhr an der 5. Station von Kawaguchiko auf 2305 Metern Höhe an. Von Kawaguchiko aus beginnt die populärste von vier möglichen Routen für eine Besteigung des Fuji. Wir gingen schließlich nochmal in das einzige Souvenirgeschäft, welches noch geöffnet war, um ein paar Sachen in ein Schließfach einzuschließen (unter anderem meine Schuhe für die Busfahrt) und uns wärmer anzuziehen. Fatalerweise hielt ich es nicht für nötig eine Jacke mitzubringen, musste allerdings schon auf der 5. Station den Pulli über mein Hemd ziehen. So nahm ich dann doch das T-Shirt, welches ich eigentlich für die Heimfahrt eingeplant hatte, sicherheitshalber mit auf den Weg zur Spitze.

Aufstieg

So machen wir uns also gegen 21:30 Uhr auf zum Gipfel des Fuji. Der Weg gliedert sich in neun Stationen (die 9. Station ist die Spitze), an denen sich jedesmal sowohl Hütten zum Einkaufen und Rasten wie auch Toiletten befinden. Da der Weg zwischen den Stationen teilweise sehr lang ist, befinden sich auch dazwischen noch kleinere Hütten.

Von der 5. bis zur 6. Station war es recht leicht. Es ging nicht sehr steil bergauf – anfangs sogar bergab – und wir erreichten die 6. Station nach schätzungsweise 45 Minuten. Ich wusste glücklicherweise durch die Erfahrungsberichte, dass der erste Teil der Besteigung leicht werden würde. Die Anderen scheinbar nicht, denn sie freuten sich schon auf eine einfache Besteigung. Ich habe ihnen nichts verraten 😉 . Man konnte übrigens sehr schön die Sterne sehen (von Tokyo aus nicht wirklich möglich…) und trotz der Dunkelheit sogar die Wolkendecke, die sich schon unter uns befand. Bereits jetzt freute ich mich auf die Aussicht bei Tag und ich sollte nicht enttäuscht werden.

An der 6. Station wurden Zettel mit dem weiteren Verlauf der Besteigung ausgeteilt und ab hier musste wir auch erstmals auf Lavagestein klettern. Es war zwar nicht gefährlich, aber man musste durchaus schonmal die Hände benutzen um sich abzustützen und weiter nach oben zu kommen. Hier verabschiedeten sich dann auch der Amerikaner und der Schwede von uns restlichen Vieren, da sie ein höheres Tempo bevorzugten. Diese Entscheidung sollten sie noch bereuen, aber dazu später mehr. Auf dem weiteren Weg hörte irgendwann das Lavagestein auf und wurde von rutschigem Sandboden abgelöst, wodurch es etwas anstrengender wurde. An unserem Willen den Gipfel zu erreichen hat das natürlich nichts geändert.

Die 7. Station auf 2700 Metern Höhe dürften wir ca. 80 Minuten nach Verlassen der vorherigen Station erreicht haben. Hier haben Chris (der andere Deutsche) und ich uns erstmal eine Instant-Nudelsuppe (Cup-Ramen) an der Hütte für erschwingliche 600 Yen (ca. 3,50 Euro) gekauft um uns aufzuwärmen und zu sättigen. Während es zwischen der fünften und der sechsten Station sehr dunkel war und es keine Hütten gab, konnte man schon von Beginn der siebten Station aus sehen, dass hier eine ganze Reihe an Hütten in absehbarer Entfernung stehen. So machten wir uns also auf den Weg und erreichten um 23:32 Uhr (Anmerkung: Fotos eigenen sich sehr gut zum zeitlichen dokumentieren – sofern man die Uhrzeit auf seiner Digitalkamera eingestellt hat) die dritte von insgesamt sieben Hütten bis zur 8. Station.

Um 0:44 Uhr kamen wir schließlich bei der 8. Station auf 3100 Metern Höhe an und merkten so langsam, dass wir zum einen durch den Aufstieg und zum anderen durch die voranschreitende Zeit langsam müder wurden. Zum Glück habe ich damals nicht nachgerechnet, denn hätte ich herausgefunden, dass wir gerade erstmal die Hälfte der Höhenmeter hinter uns gelassen haben, wäre mir der weitere Aufstieg sicherlich schwerer gefallen. Um 2:07 Uhr waren wir drei Hütten weiter und nur 150 Meter höher. Das lag wohl auch daran, dass wir nun viele Pausen machen mussten, nicht zuletzt wegen unserer zwei Begleiterinnen. Was aber kein Problem war, da wir von vorneherein damit rechneten und Chris und ich somit auch öfters Mal verschaufen konnten 🙂 . Irgendwo hier habe ich mir dann auch mein Ersatz-T-Shirt über meinen Pulli und mein Hemd gezogen, da es doch schon recht kalt war. Es sah zwar bescheuert aus, aber besser bescheuert aussehen als erfrieren 😉 . (Das dachte ich jedenfalls. Bis ich die Bilder von mir gesehen habe.)
Vielleicht ist es gut an dieser Stelle zu erwähnen, dass wir mit dem Sonnenaufgang zwischen 4:30 und 5:00 Uhr rechneten. Das Schild auf der aktuellen Station gab eine Dauer bis zur Spitze von 1:50 Stunden an. Es hat sich also durchaus machbar angehört, auch wenn wir die vorherigen Zeitangaben öfters überschritten hatten.

Die nächste Station, ich weiß leider nicht wann wir sie erreicht haben, war dann die „Original 8. Station“, was auch immer das bedeuten mag. Bei 3360 Metern Höhe befand sich dort auch das Fujisan Hotel, bei dem man wohl für ein paar Stunden übernachten kann, sofern man früher aufgebrochen ist. Diese Bergbesteigung-Light kam für uns natürlich nicht in Frage. Man ist schließlich nur einmal jung. Was uns allerdings etwas sorgen machte, war, dass man von hier aus eine riesige Schlange an Taschenlampenlichtern sehen konnte, welche sich im Zickzack den Berg hinauf schlängelte. Doch noch war ich guter Hoffnung, dass wir es rechtzeitig zur Spitze schaffen würden.
Bis es hinter mir langsam hell wurde. Und wir in der Schlange nur im Stop-and-Go Verfahren vorwärts kamen. Hier hatte ich die Hoffnung schon so gut wie aufgegeben und versucht mich damit abzufinden, den Sonnenaufgang nicht von der Spitze sehen zu können. Nächste Woche nochmal zu kommen, um es zu schaffen. Ich versuchte mir einzureden, dass man nicht unbedingt auf der Spitze sein muss. Geglaubt habe ich mir das selbst natürlich nicht. Verdammt, ich bin seit sieben Stunden geklettert, und am Ende schaffe ich es nicht, weil ich in einer Schlange schlimmer als im Disneyland stehe. Auf 3500 Metern Höhe um 03:30 Uhr nachts! Gefehlt hat nur noch das Schild: „Wartezeit ab hier: 90 Minuten“. Die Französin hatte mittlerweile schon aufgegeben und sich einen Platz am Wegesrand gesucht, um den Sonnenaufgang von dort aus zu sehen. Ich wollte nur noch so weit wie möglich nach oben, bevor die Sonne aufgeht. Hier mal ein paar Bilder mit Uhrzeiten, während wir nach oben kletterten (wir sind in dieser Zeit kaum vorwärts gekommen):

Minuten vor dem Sonnenaufgang

Minuten vor dem Sonnenaufgang (Klick zum Vergrößern)

Die Ankunft

Schätzungsweise 04:15 Uhr gab es auf einmal wieder Platz um an den anderen Bergsteigern vorbeizukommen. Es wurde vom Sandweg, auf dem man schlecht überholen konnte wieder zum Lavagestein. Wir witterten unsere Chance, sammelten all unsere verbliebenen Kräfte und kletterten im Eiltempo nach oben, an allen Anderen vorbei. Selbst unsere Japanerin konnte das hohe Tempo mitgehen. Es gab nun keine Pause mehr für uns, nur noch den Willen es rechtzeitig zum Sonnenaufgang zu schaffen. Es wurde immer heller und heller, ich konnte die Leute vor uns immer deutlicher erkennen. Das Ziel aber auch. Auf dem letzten Wegabschnitt (es kam wieder Sandboden) war dann ein Vater mit seinem Kind, die nicht hinter-, sondern nebeneinander laufen mussten. Und ich kam nicht vorbei. Nur der Geist des Fuji hat mich wohl ruhig bleiben lassen. Es war ein Kopf-an-Kopf Rennen im Endspurt gegen die Sonne, nur wir hatten uns kurz vor der Ziellinie nach vorne gelehnt! Denn um ca. 4:30 Uhr kamen wir noch vor Sonnenaufgang an der Spitze an, zwar völlig außer Atem, aber überglücklich es noch geschafft zu haben. Da um den Ankunftspunkt herum schon alles mit Japanern besetzt war, sind wir noch schnellen Schrittes ein paar Minuten weiter gelaufen, haben uns hingesetzt, die Kameras ausgepackt und dann war es auch schon soweit: Um 4:40 Uhr kam die Sonne hervor. Und die Strapazen haben sich gelohnt. Ich lasse hier mal ein paar Bilder sprechen, auch wenn die ganze Weite des Naturspektakels dabei gar nicht zur Geltung kommt.

40 Uhr

Sonnenaufgang um 4:40 Uhr

42 Uhr

Sonnenaufgang um 4:42 Uhr

Der Gipfel

Nachdem wir den Aufgang einige Zeit bewundert und viele Fotos geschossen hatten, sind wir weiter um den Schweden und Amerikaner zu suchen, die ja schon vor uns angekommen sein müssten. Wir sind ihnen glücklicherweise auch schnell über den Weg gelaufen und haben erfahren, dass sie sich schon seit zwei Stunden auf dem Gipfel befinden. Natürlich waren zu dieser Zeit noch keine Läden geöffnet, es war dunkel und schweinekalt. Durch den schnellen Aufstieg und zu wenig Wasser im Gepäck hatten sie natürlich auch Symptome der Höhenkrankheit, nämlich Kopfschmerzen (die auch den ganzen Abstieg über anhielten), sowie Schwindel und Atemnot beim Aufstieg. Wer nicht hören will muss eben fühlen. Glücklicherweise ist nichts schlimmeres passiert, obwohl sie die Symptome einfach ignoriert haben. Selbst ich habe trotz langsamen Aufstiegs und viel Wasserzufuhr leichte Symptome gemerkt, die jedoch schnell wieder weggingen.
Um den Krater herum (ca. eine Stunde Laufzeit) wollte dann keiner außer mir mehr gehen und alleine hatte ich auch keine große Lust dazu, zudem ein sehr kalter und unangenehmer Wind bließ. Zu guter Letzt haben wir also noch ein Foto mit dem Getränkeautomat auf dem Fuji gemacht (denn es gibt sie überall in Japan…). Die Französin muss wohl auch irgendwann später auf dem Gipfel angekommen sein, aber auch schon vor mir wieder runter. Ich habe sie jedenfalls nicht gesehen, aber der Abstieg war eh etwas chaotisch.

Der Abstieg

Der Amerikaner ist zuerst abgestiegen, da sein Flugzeug zurück in die USA noch am selben Tag ging! Der Schwede hat ihn begleitet und war schon ein ordentliches Stück unten, als ihm aufgefallen ist, dass er sein Handy auf dem Gipfel verloren hat. Er ist dann wieder den ganzen Weg zurück nach oben gelaufen und hat es zum Glück in einem Geschäft gefunden. So bin ich dann zu guter Letzt zusammen mit dem Schweden und der Japanerin wieder abgestiegen, da Chris und die Französin schon irgendwann vorher abgestiegen sind. Es ging im Zick-Zack nur noch auf Sandboden nach unten. Glücklicherweise war es ein anderer Weg als der Aufstiegspfad, denn das Lavagestein herunterzuklettern wäre wohl keiner von uns mehr in der Lage gewesen. Der Abstieg verlief weit weniger spannend als der Aufstieg, außer dass wir ordentlich sandig wurden und der Schwede einige Male ausrutschte, zum einen aufgrund des Sandbodens und zum anderen weil er durch den doppelten Aufstieg keine Kraft mehr hatte. Die Schilder mit den Distanzangaben waren nicht sehr genau, denn das 5 km und das 4,5 km Schild waren ca. 1 Stunde voneinander entfernt, wohingegen das 2,7 km Schild schon weitere 30 Minuten später folgte. Wir hatten schon Angst, es könnte Probleme geben den Bus zu erreichen, welchen wir für 11:00 Uhr fest gebucht hatten, doch nach ca. 3 1/2 Stunden Abstieg kamen wir erschöpft und glücklich um 10:00 Uhr wieder an der 5. Station an. Dort habe ich mir noch ein kleines Souvenir gekauft, meine Schuhe wieder gewechselt und mich ausgeruht. Pünktlich um 11 Uhr fuhr schließlich der Bus Richtung Tokyo ab, und ich glaube es gibt keinen aus unserer Gruppe der während der Fahrt nicht geschlafen hat 😉 .

Abstieg in die Wolken

Abstieg in die Wolken

Das war mein Bericht von der Besteigung des Fuji und ich bin sehr froh (wie jeder andere aus unserer Gruppe), dass ich es gemacht habe! Viele weitere Bilder könnt ihr euch wie üblich in meinem Webalbum ansehen.

Zum Schluss noch vielen Dank an alle, die es bis hierhin durchgehalten haben, dieser Eintrag ist etwas länger geworden. WordPress sagt mir es sind 2178 Worte. Wenn ich das nur jemals im Deutschunterricht geschafft hätte…

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